Anschlussfragen

– Wie man sich über Industriegleisanschlüsse informieren kann –

Stand: 03.09.2014

 

Einleitung

 

Der durch seine Seite Lokalbahnreminiszenzen bekannte Thomas Englich stellte in meinem Nachrichtenfaden in www.mapud.de über die Marscheider Industriebahn die Frage, „…ob es möglich wäre eine Art Anleitung zu erstellen wie man an solche Angaben [ Details und Informationen zu Gleisanschlüssen von Industriebetrieben u.dgl.; welche Betriebe welches Transportaufkommen hatten oder hätten haben können] herankommt? Soll man diverse Betriebe anschreiben, anmailen und nachfragen, gibt es Bücher dazu wo man solche Angaben finden kann - oder wie geht man bei einem solchen Thema vor. Es sind ja oft auch quasi historische Dinge die man da nachfragen müßte. Zumal das ja auch bei anderen Anlagen durchaus Vorgaben sind, die auch bei einem einfachen Gleisanschluß (oder mehreren) gefragt sind.“

 

In den vergangenen Jahren habe ich mich mit diesem Thema lange für entsprechende Veröffentlichungen beschäftigt. Dabei konnte ich feststellen, dass so ziemlich alle Zustände von „Informationsvorhaltung“ aufzufinden waren, von akribisch genauer Buchführung zu allen möglichen Details, bis hin zu keinerlei auffindbaren Unterlagen.

Obgleich die folgenden Angaben sich auf den heimatlichen Bereich des Bergischen Landes beziehen, wird die generelle Vorgehensweise in anderen Gegenden ähnlich sein.

Der Beginn

 

Es ist egal ob die Frage nach den Details eines Gleisanschlusses nun aus dem heimatlichen, vielleicht auch eisenbahnbezogenem Interesse herrührt oder dem Wunsch nach der Darstellung auf einer, wie auch immer gestalteten Modellbahnanlage entspringt.

Vielleicht sieht man auch nur eine Abbildung mit interessanten Gebäuden und Gleisanlagen, über die man dann etwas mehr wissen möchte. Oder man findet Hinweise auf einen Gleisanschluß in Karten, wie einer Eisenbahndirektionskarte (siehe nachfolgende Bilder)

oder einer topografischen Karte in kleinerem Maßstab. So finden sich in den älteren Ausgaben der Deutschen Grundkarte im Maßstab 1:5000, welche ab den 1950er Jahren aus den Katasterplankarten entstand, mitunter die kompletten Gleisanlagen der Betriebsstellen.

 

[1] Zeichenerklärung aus der Direktionskarte Wuppertal aus dem Jahre 1938
[1] Zeichenerklärung aus der Direktionskarte Wuppertal aus dem Jahre 1938
[1] Von Oehde in Richtung Beyenburg finden sich gleich drei Anschlüsse an der freien Strecke.
[1] Von Oehde in Richtung Beyenburg finden sich gleich drei Anschlüsse an der freien Strecke.

Ist man bereits tiefer in einer Recherche zu einer bestimmten Bahnstrecke eingestiegen, ist es aber auch möglich, das man schriftliche Hinweise in historischen Dokumenten wie Zeitungen, Zeitschriften, Firmenrechnungen (Grafik mit Fabrikgebäude und Bahn), Werbeschriften, bahnamtlichen Akten oder Dienstanweisungen und Fahrplanunterlagen entdeckt.

Wissen vertiefen

 

Man weiß nun also, dass da irgendwo irgendwann etwas war und möchte nun seiner Neugier weiter nachgeben. Mit etwas Glück findet sich zur Strecke bereits eine Veröffentlichung und damit nähere Angaben über den interessierenden Gleisanschluß.

 

Hier einmal ein besonderes Beispiel aus den Veröffentlichungen an denen ich mitwirken durfte:

Gleisanschluß für einen Sommer [2]

Für den Bau eines Trinkwasserbehälters auf dem Kiesberg errichtete die Firma Müller und Künstler, eine Unternehmung für Hoch und Tiefbau aus Elberfeld, einen provisorischen Gleisanschlusses in km 2,4 der Strecke von Elberfeld nach Cronenberg.

Die untenstehenden Bilder (März 2006) zeigen die ungefähre Lage des damaligen Anschlusses, sowie die Details mit den 3 Weichen und der Lorenseilbahn im nach alten Dokumenten neugezeichneten Plan.

Wie es in dem Genehmigungsantrag heißt, werden dafür "400 - 500 Doppelwaggon [Fn: Ein Doppelwaggon = 10t] mit Materialien (- erwartet), deren An- und Abfuhr durch eine Seilbahn (Lorenschleppbetrieb) von der Anschlußanlage an der Burgholzbahn erfolgen sollte. Dieses Projekt bietet einen interessanten Einblick in die Transportbedürfnisse vergangener Zeiten, zeigt es doch die Besonderheit dass der Gleisanschluß nur für eine bestimmte Zeit bestand haben sollte. 
Im Vergleich mit dem noch recht aktuellen Bau des neuen Burgholzschnellstraßentunnel würde der die Umwelt belastende Bau der Lorenseilbahn heute sicher durch ein paar hundert Lkw-Fahrten vermindert.

 

Rechts ist die Lage des ehemaligen Anschlusses.
Rechts ist die Lage des ehemaligen Anschlusses.
Nach alten Dokumenten neu erstellter Plan der vorübergehenden Gleisanschlußanlage.
Nach alten Dokumenten neu erstellter Plan der vorübergehenden Gleisanschlußanlage.

Mögliche Fundstellen und Art der Daten

 

Für den Anfang ist es sinnvoll sich über die Möglichkeiten der Recherche von den Fachleuten in den Archiven aufklären zu lassen, welche über die bloße Eingabe eines Suchwortes in einer berühmten Suchmaschine hinausgehen.

 

Archive:

 

Firma, evtl. Nachfolgeunternehmen, Dokumente von der Beantragung des Anschlusses bis zu dessen Auflassung möglich, vielleicht gab es auch eine Werkszeitung, in der sich Artikel über die „Werksbahn“ finden lassen.

 

Stadt, dort sind zuweilen Kopien der Anschlussbahnverträge und der damit zusammenhängenden Grundstücksangelegenheiten zu finden. In den Katasterämtern der Städte finden sich auch ältere Versionen der topografischen Karten oder der Deutschen Grundkarte.

 

Kreis, ähnlich wie bei den Stadtarchiven, zumeist räumlich zusammen mit dem Stadtarchiv der Kreisstadt.

 

Landes und Staatsarchiv, dorthin wurden zumeist die Bestände der einzelnen Bahndirektionen weitergereicht, in denen bei etwas Glück auch der komplette Schriftverkehr zu einzelnen Gleisanschlüssen vorhanden ist.

 

Industrie und Handelskammer, dort kann man an Hand der vorhandenen Statistiken aus den Meldungen der Mitglieder über deren wirtschaftlichen Tätigkeiten Rückschlüsse auf die Art und Menge der Waren schließen.

 

Zeitungsarchive, in den Archiven der lokalen Presse finden sich häufig nähere Angaben zu einzelnen Firmen, insbesondere zu „runden“ Jahrestagen der Fabriken.

 

Universitätsbibliotheken, deren Kataloge sowie zum Teil die Bestände sind bereits häufig im Netz zu finden und lassen sich nach Dissertationen und älteren Veröffentlichungen durchsuchen.

 

Digitale Fundstellen, wie zum Beispiel die vollständig eingescannten Mitteilungsblätter des preußischen Ministerium für öffentliche Arbeiten. Details zu diesen Fundstellen habe ich hier auf meiner Homepage auch aufgeführt.

 

Was man da finden kann?

 

Die Amtsblätter „B“ (Ausgabe A sind eher Verwaltungsdinge) der jeweiligen Eisenbahndirektionen sind ebenfalls eine wertvolle Quelle, in der man auf Angaben zu Gleisanschlüssen stoßen kann. Sie befinden sich bezogen auf Elberfeld/Wuppertal allerdings nicht durchgängig in einem Archiv (Jahrgänge 1963 bis 1974 der BD Wuppertal befinden sich z.B. im Staatsarchiv Düsseldorf) und sind auch keinesfalls vollständig vorhanden.
 
Im Bild ein Auszug aus dem Amtsblatt B Stück 63 vom 17.12.1909 in dem Änderungen zu den Anschlußverträgen veröffentlicht werden.

Auszug aus dem Amtsblatt B Stück 63 vom 17.12.1909
Auszug aus dem Amtsblatt B Stück 63 vom 17.12.1909

Als Hinweis für die Suche nach historischem Kartenmaterial folgender Link für die topografischen Karten im Maßstab 1:50000, welche sich unter http://lib.byu.edu/ finden lassen. Das ausgewählte Blatt 4609 zeigt Hattingen/Ruhr.

 

Akten der Eisenbahnverwaltungen über die Gleisanschlüsse –

Wenn denn die Akten die Zeit mit mehreren Kriegen, Verwaltungswechseln und ähnlichem überdauert haben, können sich von der ersten Ausfertigung des Anschlußvertrages, über die Dienstvorschrift zur Bedienung des Anschlusses (später Bedienungsanweisung für Gleisanschlüsse) bis zu einzelnen Korrespondenzen über Fragen der Wagengestellung (Aufstellungen von zugestellten bzw. abgeholten Waggons, zumeist bahnamtlich aufgestellt, um Gründe für die Vergrößerung der Anlage zu erhalten), Erweiterung der Gleisanlage, Unterhaltung derselben und des Streites über die Kosten darüber, so ziemlich alle Informationen finden. Eine mir vorliegende, aus dem Düsseldorfer Staatsarchiv stammende, Übersicht zum Gaswerkanschluß der Stadt Cronenberg weist für den Oktober 1910 insgesamt 17 Waggons aus. Davon waren 16 mit Kohlen beladen und 1 leerer Kesselwagen für den Abtransport der bei der Gaserzeugung anfallenden Nebenprodukte.

 

In den Bedienungsanweisungen findet man neben einer Skizze der Gleisanlagen, auch den Bedienungsplan mit denen man auf die z.B. den Modellbahner interessierenden Transportmengen schließen kann (mögliche Anzahl von gleichzeitig zu stellenden Waggons multipliziert mit der Häufigkeit der Bedienung). Bei diesen Berechnungen ist natürlich, je nach interessierendem Zeitrahmen, auch die wirtschaftliche Gesamtsituation oder räumlich beschränkter Ereignisse (z.B. Betriebseinstellung während der Ruhrbesetzung) zu berücksichtigen.

 

Hier nun die relativ kompakte Bedienungsanweisung der Firma Albert Thienhaus am Bahnhof Wuppertal Heubruch. Die Bedienung erfolgte mit der im Bahnhof rangierenden Lokomotive, daher fehlen zeitgenaue Angaben zu bestimmten Zügen/Sperrfahrten.

 

 

[3] Seite 1
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[3] Seite 2
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[3] Seite 3
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[3] Seite 4
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[3] Seite 5
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[3] Seite 6
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Schlussbemerkungen

 

Die vorstehenden Hinweise sind zwangsläufig recht allgemein gehalten und doch schon sehr weitreichend, dienen aber hoffentlich dem ersten Einstieg in dieses, wie ich finde, höchst interessante Thema. Mit diesen Akten und Informationen lassen sich für den Heimatinteressierten die örtliche und die weltweite Wirtschaftsgeschichte sehr gut miteinander vergleichen und Parallelen feststellen. Für die Modellbahner, welche sich abseits des Mainstreams auch für vorbildbezogene Aspekte näher interessieren, bieten sie die Möglichkeit betriebliche Abläufe zu erkennen und für die jeweiligen Nachbauprojekte zu finden bzw. zu adaptieren.

 

 

Bei auftretenden Fragen oder auch interessanten Anmerkungen besteht über einen Eintrag im Gästebuch oder eine Mail an


mail ät vauhundert.de


eine einfach Kontaktmöglichkeit.

Quellen:

 

 

[1] Bildzitate aus einem Nachdruck der Reichsbahndirektionskarte Wuppertal von der Karten- und Luftbildstelle der DB in Mainz, 1985

 

[2] Der Samba – Die Stichbahn Elberfeld – Cronenberg, Kaiß, Peplies, 2007 Leichlingen, Kaiß Verlag, ISBN: 978-3-9806103-6-0

 

[3] Bedienungsanweisung Fa. Thienhaus, Wuppertal Heubruch , Sammlung Peplies